Ist mit dem Gender Pay Gap schon alles gesagt? Boardmitglied Andrea Leitner hat sich die Frage gestellt anlässlich der neuen Daten zum Gender Pay Gap, die jährlich Anfang März veröffentlicht werden.

Am 3. März wurden von der Statistik Austria die neuen Daten des Gender Pay Gap präsentiert. Es ist gut und wichtig, dass es diesen europaweit vergleichbaren Indikator gibt, der die Bruttostundenlöhne von Frauen in Relation zu jenen der Männer setzt und damit Zeit- und Ländervergleiche ermöglicht. Und es ist wichtig, dass in den Medien in ihren Beiträgen zum Frauentag darüber berichtet wird. Doch wir haben uns schon daran gewöhnt, dass Österreich dabei zu den Schlusslichtern in Europa zählt; dass nur circa ein Drittel des Gender Pay Gap durch beobachtbare persönliche Faktoren und die Segregation am Arbeitsmarkt erklärt werden kann. Das ruft kaum mehr Empörung hervor. Der Gender Pay verringere sich ohnehin jährlich und mit 17,6 %[1] sei der Unterschied gar nicht mehr so hoch.

Aber: Der Gender Pay Gap verschleiert die unterschiedliche Verteilung der erzielten Stundenlöhne unter Frauen und Männern, er sagt nichts über das Einkommen, das Frauen und Männern monatlich zur Verfügung steht und er beschränkt sich auf die Unterschiede der unselbständig Beschäftigten in Unternehmen der Privatwirtschaft mit mindestens zehn Mitarbeitenden. Der Gender Pay Gap stellt nur die die Spitze des Eisbergs der ökonomischen Ungleichheit dar. Es braucht mehr Indikatoren, um Einkommensunterschiede aufzuzeigen, zu beobachten und zu bewerten.

In der Schweiz hat der Nationalrat nach dem Frauenstreik im Jahr 2019 die regelmäßige „Erfassung des Gender Overall Earnings Gap und anderer Indikatoren zu geschlechterspezifischen Einkommensunterschieden“ beauftragt, um gute statistische Daten für die Beurteilung des Fortschritts der Gleichstellung bereitzustellen.[2]Dabei wird der Gender Overall Earnings Gap, der neben dem Gender Pay Gap auch die Unterschiede der monatlich bezahlten Arbeitsstunden und der Beschäftigungsquote beinhaltet, in den Mittelpunkt gestellt.

Der Gender Overall Earnings Gap wird auch von Eurostat alle vier Jahre berechnet und weist für Österreich im Jahr 2022 eine Einkommenslücke von 41,1 % auf[3], die sich vor allem daraus ergibt, dass nur ein Teil der Frauenarbeit bezahlt wird. Denn wie die letzte Zeitverwendungsstudie zeigt, arbeiten Frauen im Schnitt täglich um 20 Minuten mehr als Männer, aber der Großteil (57 %) wird als Betreuungsarbeit oder Freiwilligentätigkeit unbezahlt geleistet.[4]Österreich liegt bei der Einkommenslücke deutlich über dem EU-Schnitt (32,8 %) und fällt an die letzte Stelle, hinter der Schweiz mit 40,7% und den Niederlanden mit 40,3%. Diese Einkommenslücke bestimmt die ökonomischen Rahmenbedingungen für ein selbstbestimmtes Leben und wirkt sich im Verlauf des Lebens etwa auf die Vermögenslücke und die Pensionsleistungen aus.

Gender Overall Earnings Gap (GOEG) – Gesamte Einkommenslücke, 2022, in %

Quelle: Eurostat, Gender Statistics, Zugriff 28.2.2026.

Die Schweizer Plattform economiefeministe hat die dahinterliegenden Einkommensflüsse und -lücken in Euro dargestellt, um sie mit gesamtwirtschaftlichen Wirtschaftsindikatoren in Beziehung zu setzen.[5]Die Schweizer Einkommenslücke von 82 333Mio € entspricht im Jahr 2018 rund 13% des Bruttoinlandsprodukts, damit ungefähr der Summe der Bruttolöhne der Wirtschaftszweige Güterproduktion, Energie- und Wasserversorgung, Bauwirtschaft und Finanzen und sie übersteigt die Ausgaben für Soziale Sicherheit (Pensionen, Gesundheitswesen, Sozialhilfe, Arbeitslosigkeit etc.), um 10 Milliarden €. Für Österreich berechnet economiefeministe für das Jahr 2018 eine Einkommenslücke von 37 903 Mio. €, was etwa 10% des BIP entspricht.


[1] https://www.statistik.at/statistiken/bevoelkerung-und-soziales/gender-statistiken/einkommen

[2] https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/wirtschaftliche-soziale-situation-bevoelkerung/gleichstellung-frau-mann.assetdetail.23325426.html. Zugriff 28.2.2026.

[3] https://ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/index.php?title=Gender_statistics.

[4] https://www.statistik.at/statistiken/bevoelkerung-und-soziales/zeitverwendung. Zugriff 28.2.2026.

[5] Mascha Madörin (2023) Einkommenslücke: Überblick Schweiz. Aggregierte geschlechtsspezifische Einkommenslücke AGEL. Faktenblatt economiefeministe. https://economiefeministe.ch/wp-content/uploads/2025/05/Einkommensluecke-Ueberblick-Schweiz-AGEL.pdf. Zugriff 28.2.2026.